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Tages-Anzeiger
15. November 2013

Ein Herz für frühbarocke Chaoten

by Susanne Kübler

Vermutlich wurde Girolamo Kapsberger irgendwann um 1580 in Venedig geboren, sicher starb er 1651 in Rom. Arrogant soll er gewesen sein, stolz auf seine adelige Herkunft. Und ganz sicher war er ein phänomenaler Virtuose auf der Laute: Viel mehr weiss man nicht über ihn. Nicht einmal darüber, ob er ein guter Komponist gewesen sei, werden sich die Kenner einig. Der Lautenist Rolf Lislevand etwa hält Kapsbergers Musik für zusammenhangslos und rhythmisch konfus.
Hopkinson Smith stimmt dem durchaus zu, «die Stücke sind oft ein bisschen chaotisch», sagt er ins Telefon und lacht. Nur hält er diese «Konfusion» für eine grosse Qualität von Kapsbergers Musik: «Man muss den Sinn kreieren in diesen Stücken, das ist das Spannende daran.» Und tatsächlich, wenn er sie spielt, gibt es da zwar immer wieder unerwartete harmonische und rhythmische Wendungen – aber sie klingen nicht unbeholfen, sondern spielerisch. Wo gehts hier lang?, scheint der Komponist zu fragen, und der Interpret gibt die Antworten: indem er die Brüche überspielt oder umgeht oder hell beleuchtet, indem er sich freut an den Finten und an den Harmonien, die scheinbar haltlos durch den Tonraum fallen, um irgendwann doch wieder eine Richtung zu finden.
Das funktioniert nur, weil Hopkinson Smith selber in keinem Moment konfus ist. So frei und fantasievoll er spielt, er behält die Übersicht über die Musik und ihre Wucherungen. Auch sonst hat Smith mit Kapsberger, die Virtuosität einmal abgesehen, wenig gemeinsam: Arroganz jedenfalls ist ganz bestimmt nicht seine Sache; wer mit ihm zu tun hat, bekommt bald einmal Mails, die mit «Hoppy» unterschrieben sind.
Ein paar Tage vor dem Zürcher Konzert kommen diese Mails aus New York, wo Hopkinson Smith 1946 geboren wurde und regelmässig auftritt. Zur Musik war er früh gekommen, zur Laute erst über Umwege: Angefangen hat er einst als Gitarrist, die Begeisterung für die alte Musik hat ihn dann zur Gambe gebracht – und zu einer Lehrerin, die ihm riet, es doch einmal mit der Laute zu probieren. Also hat er sich beim Instrumentenmuseum in Boston, wo er damals lebte, ein Instrument ausgeliehen, «kein altes, aber ein solides modernes». Gleichzeitig hat er in Harvard Musikwissenschaften studiert und mit einer Arbeit über die Pavanen eines gewissen Daniel Bacheler abgeschlossen, der ein englischer Zeitgenosse von Girolamo Kapsberger und ebenfalls ein begnadeter Lautenist war.

Singen auf Saiten
1973 wechselte er nach Europa, um weiterzustudieren, unter anderem an der Schola Cantorum in Basel. Hier begegnete er dem Gambisten Jordi Savall, dessen Ensemble Hesperion XXI er mitbegründet hat. Und hier wurde er selbst zum Lehrer: Seit 1976 bringt er angehende Lautenisten an der Schola bei, unabhängig zu werden: «Das ist doch das wichtigste Ziel beim Unterrichten, dass die Studierenden ihre eigene Musikalität entdecken.» Und wie geht das? «Wenn etwas eckig klingt oder unkontrolliert, lasse ich sie die Phrase singen. Und wenn sie die Musik singen können – dann brauchen sie mich eigentlich gar nicht mehr . . .»
Wie er selbst auf der Laute singt, ist auf seinen CDs zu hören. Viele sind Komponisten gewidmet, die nur Alte-Musik- Fans kennen: Kapsberger eben, oder Renaissance- Meistern wie Luys Milan und Pierre Attaingnant. Seine grössten Erfolge hat Smith aber wohl mit einem Komponisten gefeiert, der fast gar nichts für Laute geschrieben hat: mit Johann Sebastian Bach. Von ihm hat er die Cello- Suiten für die Laute übertragen – entsprechend der Praxis von Bach selbst, der seine Werke oft für andere Instrumente adaptierte. So klingen diese Suiten auf der Laute durchaus natürlich, wenn auch anders als gewohnt: Während das Cello seine Töne halten und steigern kann, verklingen jene der Laute unvermeidlich. Auch bei den Verzierungen, bei den Arpeggi, bei der Mehrstimmigkeit sind die Möglichkeiten andere, und Smith nutzt sie so, wie das seine barocken Vorgänger auch getan hätten.
Wer eine CD suche, die einen zu Tränen rühre, solle sich Smiths Bach anhören, schrieb ein französischer Kritiker. Und man kann hinzufügen: Wer gern spielerische, sinnliche, virtuose, tänzerische, still vergnügte Lautenmusik hört, ebenfalls.

 

 

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