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Der Standard, Vienna, Austria
October 30, 2000
by
Wolfgang Schaufler
Wien - Zumindest die
Festivalmacher haben ihn nicht überhört. Und das ist gut so. Denn der
Lautenist Hopkinson Smith zählt zu den spektakulärsten Instrumentalisten
der Gegenwart, auch wenn er darum keinen Wind macht.
Nach 1998, als er beim
Resonanzen-Festival Werke von Luys Milán, Luys de Narvárez oder
Alonso Mudarra spielte, kehrt er nun zum Wien
wohltemperiert-Festival zurück und führt in seinem musikalischen
Gepäck den Jahresregenten mit: J.S. Bach.
Da werden Erinnerungen wach, an
eine Sonntags-Matinee Mitte der 80er-Jahre, als Smith in der Musiksammlung
der Hofburg Bach gab. Man hörte atemlos zu, wie sich der gebürtige New
Yorker (Jahrgang 1946) in den polyphonen Kosmos vertiefte und darüber auch
profund Auskunft gab.
Der studierte Musikwissenschafter
(die Universität in Harvard entließ ihn 1972 mit Auszeichnung) berichtete
unter anderem über spannende Fragen der Quellenforschung. Bis heute ist ja
nicht eindeutig geklärt, ob Bach selbst die Laute spielte. Außer Frage
steht bloß seine Faible für deren Klang, ließ er sich doch eine Art
Clavichord mit Lautenklang bauen. Überliefert ist auch seine Freundschaft
zu Sylvius Leopold Weiss, dem berühmten Lautenisten und Komponisten der
Bach-Zeit. Die beiden schätzten einander sehr, tauschten auch so manche
Erfahrung aus.
Smith weiß darüber zu berichten,
als wären sie seine Zeitgenossen. In der Tat spielt er sie so aufregend
frisch, so unmittelbar berührend, dass sie auch für uns noch von Belang
sind. Wer ihn je mit Bachs Lautensuiten gehört hat, wird gegen die
falschen Propheten der Musik-Events immun sein. Seine Einspielungen sind
in ihrer kontrapunktischen Klarheit wahre Wunderwerke der poetischen
Klangrede. In der Unaufgeregtheit seines Vortrags gibt Smith den
organischen Entwicklungen den notwendigen Raum und lässt die Fugen zu
vielstimmigen Gottesbeweisen wachsen.
Abstrakte Ebene
Heute allerdings spielt er
Transkriptionen der Violinsonaten (Nr. 3, C-Dur; Nr. 1, h-Moll; Nr. 3,
E-Dur) und das b-Moll-Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier.
Erstaunlich dabei ist, dass dies musikalisch vollkommen in Ordnung geht,
weil "die Musik auf einer dermaßen abstrakten Ebene abläuft, dass die
Partitur selbst als eine Art Bearbeitung für die Violine erscheint"
(Smith). Wer den Abend versäumt, sollte zu den Platten greifen. Etwa die
genannten Transkriptionen oder auch die ursprünglich dem Cello zugedachten
Suiten. Eine Porträt-CD zeigt ihn als umfassenden Kenner der alten,
spanischen Literatur (alle im Vertrieb der Extraplatte). Ein Konzertbesuch
wird aber nachdrücklich empfohlen. Konzerthaus, Schubert-Saal, 3.,
Jeunesse-Infos: 505 63 56. Beginn 19.30
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